Film: Der Nachtmahr (Deutschland, 2015)

Präzise auf dem Schnittpunkt von Arthaus, Drama und Horrorfilm balancierend, macht Achim Bornhaks „Der Nachtmahr“ fast alles richtig. Außer vielleicht am Schluss – aber dazu später.

Getragen von der herausragend spielenden Carolyn Genzkow entfaltet der Film eine Handlung, die in jeder Richtung hätte schiefgehen können: Der vom Schmerz des Erwachsenwerdens und Andersseins gequälte Teenager. Die groteske Gestalt der Titelfigur als Projektion der Persönlichkeit des vielleicht seelisch kranken Mädchens, dessen innerer Konflikt zu einem äußeren mit Eltern und Gleichaltrigen wird. Die hart geschnittenen, lauten Partyszenen. Der im gegenwärtigen Horrorfilm häufige Deja-Vu-Schockmoment. Die kammerspielhaften Gespräche zwischen Tina und Erwachsenen, die sie wie ein Kind behandeln. Das alles sind Elemente, die man aus früheren Filmen unterschiedlicher Genres kennt.

Doch Bornhak alias Akiz zitiert sie nicht einfach, er rekombiniert sie im Rahmen seines eigenen Erzählstils zu etwas Neuartigem. Vielleicht werden kommende Jahre zeigen, dass er damit einen Klassiker das fantastischen, deutschen Films geschaffen hat. Zwei Probleme gibt es dabei allerdings.

Zum einen versteht ein Publikum, das entweder nur mit Psychodrama, Kunstfilm oder Horror vertraut ist, womöglich manche Anspielungen, erkennt Stilelemente nicht. Für Mainstream-Horror ist „Der Nachtmahr“ trotz der wuchtigen Eröffnungssequenz zu subtil, für Arthaus zugleich zu düster und zu poppig, das persönliche Drama des „coming of age“ hat man schon zu oft gesehen.

Zum anderen ist da die Schlussszene, die an „Der Wald vor lauter Bäumen“ denken lässt. Bornhak hätte besser den offenen Schluss stehen lassen sollen, der sich durch Aufbau und Musik eigentlich aufdrängt: Der Moment, in dem die Heldin und ihr manifestiertes „Es“ von allen als wahr und real erkannt werden (müssen), hätte die letzte Einstellung sein sollen.

An diesem kleinen Makel darf man sich jedoch nicht festbeißen: Von Inhalt, Kamera, Licht und Schnitt über Dynamik und Stimmung – zwischen „all is lost“ und Triumph – bis hin zur Musik (Alec Empire!) und bis in die kleinste Nebenrolle hervorragenden Darstellern (kaum im Bild: Detlef Bothe!) ist „Der Nachtmahr“ ein nahezu perfekter Film. Vielleicht weil keine große Produktionsfirma dahinter steht, sondern die Filmschaffenden frei und kreativ arbeiten konnten – wegen des überschaubaren Budgets wohl auch mussten.

Genre: Arthaus-Horror

Note: 1-

Fazit: „Der Babadook“ und „A girl walks alone home at night“ haben gezeigt, dass moderner Horror in eine neue Phase tritt, in der nicht die 1000. Zombie-Nacherzählung oder Wackelkamera-Inszenierung Maß der Dinge sind, sondern psychologischer Grusel, in dem Monster funktionieren, aber das Menschliche im Mittelpunkt steht. Dass aus Deutschland ein weiteres, sehenswertes Beispiel für diese Entwicklung stammt, ist erfreulich. „Der Nachtmahr“ ist zudem ein Kunstwerk geworden. Begeisternd.

dernachtmahr

 

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