Album: Schneewittchen – Keine Sekunde Schweigen

Mitunter lohnt es sich, CDs wieder aus dem Regal zu holen, die man zur Rezension erhalten und achtlos beiseite gelegt hat, weil sie aufgrund des ersten Eindrucks wirkten, als ob die darauf zu hörende Musik einem nicht gefallen könnte. Die Platten des Duos Schneewittchen haben bei Ultimas Lagrimas dieses unverdiente Schicksal erlitten, und zuerst einmal eine davon soll nun endlich unsere verdiente Aufmerksamkeit erhalten.

„Keine Sekunde Schweigen“ heißt das bereits im August 2012 erschienene Werk von Sängerin Marianne Iser und Instrumentalist Thomas Duda. Das ist nicht nur sein Titel, sondern auch ein Versprechen.

Keine Sekunde Schweigen

Sony Music/Ariola * www.schneewittchenmusik.de * 53:00 min * Düsterpop/Kunstlied

„Keine Sekunde belanglose Kost“ ließe sich die Scheibe auch betiteln – aber das gilt für alle bisherigen Veröffentlichungen von Schneewittchen. Stilistisch bewegt sich das Duo furchtlos und kunstfertig zugleich im Niemandsland zwischen Chanson, Schlager, Moritat und Pop. Manche Titel klingen ein wenig wie ein Bewerbungsschreiben für den Schlager-Grandprix – und sind trotzdem hörenswert. Wie das?

Man kann in Marianne Isers wandlungsfähiger Stimme Reminiszenzen an die junge Nina Hagen hören, an die Expressivität von Ulla Meinecke, an Oswald Henkes Bissigkeit, oder an Rosenstolz vor deren kommerziellem Durchbruch. Doch solche Vergleiche greifen zu kurz. Die Sängerin ist eine individuell klingende, singende, fauchende, klagende und hauchende Persönlichkeit. Und mit Thomas Duda, dem Mann an den Instrumenten, hat sie den idealen Partner gefunden, der den Gesang unaufdringlich in Szene setzt.

Diese Vorbedingungen erlauben es Schneewittchen auch auf dem aktuellen Album, den passenden musikalischen Rahmen für teils zynische oder melancholische, teils lebensbejahende oder euphorische Texte zu schaffen. Das wird nie peinlich, lässt den Hörer aber auch selten unberührt. Und Musik, die nicht dadurch polarisiert, dass sie so banal wäre, ist ein hohes Gut für sich.

Fazit: Wer gerne kunstvolle, aber nicht gekünstelte Musik abseits des Mainstreams und deutschsprachige Texte weit über dem Herz-Schmerz-Reim-Niveau hört, muss „Keine Sekunde Schweigen“ eine Chance geben. Eine Garantie, dass Schneewittchens Schaffen ihm gefallen wird, gibt es nicht. Aber nur etwas, das Kanten hat, kann anecken oder überraschen.

Anspieltipps: Fürchte dich nicht & Zwischen-den-Welten-Tänzerin (Tracks 2 & 7)

Gesamtnote: 2,0

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: