Album: For all the emptiness – Axioms

Im düster-elektronischen Bereich hat Kanada in den vergangenen Jahrzehnten einiges Hörenswerte hervorgebracht – Skinny Puppy, Front Line Assembly oder Psyche etwa. Mit For all the emptiness (FATE) schickt sich nun ein weiteres kanadisches Projekt an, diesmal aus der Synthiepop-Ecke, über den nordamerikanischen Kontinent hinausreichende Bekanntheit zu erlangen.

For all the emptiness – Axioms

Independent * www.foralltheemptiness.com * 0:38:18 h * Synthpop

Jonathan Kaplan, Kopf und Stimme von FATE, hat lange am Debütalbum „Axioms“ gefeilt. Nachdem 2010 bereits Demo-Versionen einiger Songs kursierten und aufhorchen ließen, ist das neun Tracks umfassende Erstlingswerk nun fertig produziert, als CD käuflich zu erwerben oder als Download kostenlos zu bekommen.

Unter die Arme gegriffen hat ihm dabei Yone Dudas, die als Soundtüftlerin von Decoded Feedback unzweifelhafte Meriten vorweisen kann. Ihre Beteiligung hat sich gelohnt: Gegenüber den Demos ist der Klang der Stücke noch einmal dichter, definierter und drückender geworden. Mit einprägsamen Melodien und Jonathans markantem Gesang gewinnt „Axioms“ einen Wiedererkennungswert, der das Album aus dem Gros der Neuveröffentlichungen heraushebt.

Inhaltlich arbeiten sich die sieben mit Text versehenen Stücke ausnahmslos am Thema „Religion und Glaube“ ab. Genauer: An der Verneinung einer Gottesexistenz und christlicher Werte. Das ist auf Dauer etwas wenig für ein Projekt, das anscheinend Wert auf Inhalte und kritische Gedanken legt.

Fazit: „Axioms“ besitzt Charakter – wegen des prägenden Gesangsstils und der Kompositionen, die durchweg sehr eigenständig klingen und keinem gängigen Schema hinterher rennen. Hier ist jemand mit Herzblut und Überzeugung am Werk und hechelt nicht tagesaktuellen musikalischen Moden hinterher.

Wer mit synthetischer, düster eingefärbter Popmusik etwas anfangen kann, sollte For all the emptiness eine Chance geben und das Werk wohlwollend durchhören. Es lässt bestimmt niemanden kalt und wird polarisieren.

Aber man sollte auch nicht über die weniger begeisternden Punkte schweigen: Eine bei elektronischer Musik besonders spürbare Schwäche besteht in der Programmierung des Schlagwerks, das teilweise arg auf die Sechzehntelnoten quantisiert daherkommt und selten direkt in die Beine geht. „Axioms“ erscheint mehr zum Anhören als zum Tanzen produziert zu sein – ob das Absicht ist, steht zu bezweifeln.

Mit einer Spielzeit von einer starken halben Stunde ist das Album auch nicht sonderlich lange – aber dafür stehen schon jede Menge hochwertiger Remix-Versionen in den Startlöchern, die das Hörvergnügen beträchtlich verlängern sollten. Und vielleicht For all the emptiness auch fit für den Club machen.

Gesamtnote: 1,8

Die Stücke im einzelnen:

Identity: startet mit einer wuchtigen Kickdrum wie aus dem Syntheseprogramm Stomper; Percussion und eine nüchterne Synthie-Melodie stimmen auf die anschließenden Titel ein; schade, dass das lediglich das Intro der CD ist (keine Wertung)

Blame: hymnisch in der Intonation, apothetisch im Inhalt; der Aufmerksamkeit erregende Gesang steht zurecht im Mittelpunkt dieses Songs, hätte im Mix sogar noch mehr in den Vordergrund treten können; die instrumentalen Anteile dienen hauptsächlich der Begleitung des gesungenen Worts; die richtige Wahl als Signature-Track für das Album, denn der Titel beinhaltet musikalisch alles, was es derzeit über For all the emptiness zu wissen gibt (1)

Penance: auch hier dominiert die klare Stimme, alle anderen Klänge umspielen lediglich diesen Rezitativ; die Instrumentalbegleitung bleibt zudem meist in der gleichen Tonart; durch ein solches Arrangement wird keine Spannung aufgebaut, die sich im Refrain entladen könnte; und das wird auf mehr als fünf Minuten ausgedehnt (3)

I die: der munter dahersägende Sequencerbass und die treibenden Hihats verleihen diesem Song nach dem eröffnenden Sprachsample einen vorwärtsgehenden Charakter, der in der mit eleganten, mehrstimmigen Stellen akzentuierten Strophe konsequent fortgesetzt wird; der Refrain bildet dann zum gefühlt richtigen Zeitpunkt den Abschluss eines Spannungsbogens; das Stück hat auch genau die richtige Länge, um das Interesse des Hörers zu behalten (1)

Prayers: die eröffnende Sequenz perlt munter im Panorama von rechts nach links und wieder zurück, immer mehr Elemente kommen hinzu und pluckern keinen Takt zuviel dahin, ehe nach einer netten Synthiemelodie der Gesang einsetzt und das Zepter im Instrumentarium übernimmt; der Zwischenteil nach dem zweiten Refrain lässt den Hörer kurz Luft holen, bis der ausufernde Schluss weitere zwei Minuten mit mehrstimmigem Gesang beschert; der Text scheint im Mittelpunkt zu stehen und dem Song eine Länge beschert zu haben, derer musikalisch nicht bedurft hätte (2)

No paradise: das Intro ist etwas zu lange, schleppt sich zudem irgendwie so dahin, ohne Erwartungen für das weitere Geschehen zu schüren; einer wiederum schönen Gesangsmelodie stehen leider weder einfallsreiche Begleitung noch gelungen akzentuierende Drums zur Seite; da kann der Bass noch so fordernd im Offbeat pumpen, es fehlt ein überzeugendes Arrangement (3)

Loving wrath: dieser Titel hält sich nicht lange mit Schnörkeln auf; guter Auftakt mit etwas obskurem Sprachsample und dynamischer Drumloop; klar definierte Strophe/Refrain-Struktur und konsequenter Aufbau erhalten die Aufmerksamkeit; neben Blame der beste Track des Albums (1)

Spite: das Sounddesign dieses Songs wirkt geradezu lieblos, die Komposition dümpelt auf der Mittelspur dahin; da kann auch die mit dezenten Effekten bereicherte Stimme nicht mehr viel retten, zumal Jonathan meist in derselben Tonlage bleibt; kann man nebenher laufen lassen, aber mehr als ein Albumfüller ist das nicht (4)

When the world ends: düstere Synthstrings, durch deren Nebel sich ein bandpassgefiltertes Arpeggio und hallende Trommeln ihren Weg bahnen; getragenes Outro in voller Songlänge; es gibt anscheinend auch eine Version mit Gesang – schade, dass diese auf dem Album nicht enthalten ist; trotzdem von den Harmonien her einer der einprägsameren Titel auf „Axioms“ (2)

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