Album: Metallspürhunde – Moloch

Vorweg an dieser Stelle erstmal ein herzliches „Dankeschön“ an Tyves Oben: Dank seiner Unterstützung können wir von Ultimas Lagrimas in jede Neuerscheinung auf dem Danse Macabre Label hineinhören – und auch in viele ältere Platten. Ein paar Wochen ist es her, dass die neue Scheibe der Metallspürhunde in den Handel gekommen ist. Von ihr haben wir ja bereits in der Sendung am 19. Juli den Titelsong gespielt. Und jetzt ist auch endlich die wohlverdiente Rezension dieser feinen CD online. Viel Spaß beim Lesen.

Metallspürhunde – Moloch

Danse Macabre * www.mshunde.ch * 1:06:22 h * Electro Rock

Streichen wir die betuliche Einleitung mit beliebigen Banalitäten über die Schweiz ersatzlos. Kommen wir gleich zum Punkt. Denn das kommt „Moloch“ auch, das neueste Album der freundlichen Metallspürhunde aus Zürich.

Zwar wirkt Vieles glattes als früher – man denke nur an „Blut und Spiele“. Doch den Maulkorb angelegt hat dem im Studio zum Duo geschrumpften Projekt niemand. Sowohl klanglich als auch inhaltlich verfolgen Marion und Michel unverändert ihren eigenen Weg.

In dem mit 13 Titeln aufwartenden Werk steckt viel Arbeit. Das ist zu hören, denn jeder einzelne Song wirkt für sich und weist seine eigene Stimmung auf. Nichts klingt wie von der Stange oder auf den nächsten, möglichen Clubhit hin getrimmt – obwohl es an tanzbarem Uptempo-Material nicht mangelt. Insgesamt wirkt „Moloch“ ziemlich rockig und die Gitarre ist in etlichen Stücken dem Synthesizer als Hauptinstrument gleichgestellt.

Die Texte erschöpfen sich nicht in Klischees wie „Liebe, Tod und Dunkelheit“. Aber das ist man von den Metallspürhunden gewohnt – alles andere wäre eine bittere Enttäuschung gewesen. Dabei muss der Hörer immer das Hirn einschalten und seine eigene Interpretation finden – denn das Denken wird ihm nicht abgenommen, die enthaltene Botschaft nicht aufs Auge gedrückt.

Fazit: „Moloch“ ist eine rundum gelungene Platte, die man auf jeden Fall drei, vier oder auch fünf Mal konzentriert durchhören muss, um den Feinheiten der vielfältigen Songs gerecht werden zu können. Zu hören gibt es definitiv kein Songwriting vom Fließband, sondern liebevolle Kleinarbeit. Und dass im ganzen Werk ein nachdenklicher Unterton mitschwingt, spiegelt den musikalischen und inhaltlichen Reifungsprozess der Metallspürhunde wider.

Gesamtnote: 1,8

Die Stücke im einzelnen:

Alarm: Michels markante Stimme kommt bereits im ersten Track bestens zur Geltung; der MSH-vertraute Hörer weiß gleich, dass er hier richtig ist – und der Novize horcht auf, denn hier ist ein Sänger, dessen Stimme und Stil sich vom Szenetypischen deutlich abheben; das Stück an sich ist ein guter Albumtitel, aber nicht die glücklichste Wahl für den ersten CD-Track: es passiert noch nicht so richtig viel, der Name verspricht mehr Aufsehen, als die Musik dann tatsächlich erregt (3)

Kein Herz: sehr rockiger Einleitung folgt eine erzählende Strophe, die Metallspürhunde wirken nachdenklicher, melancholischer als einst; flächigen Sounds und vielen Gitarrenspuren folgt nach dem ersten Refrain sympathisches Synthiegeperl – aber der Song wirkt trotzdem konsistent; interessantes Arrangement, wenn auch noch nicht der voranstürmende Track, auf den man wartet (2)

Moloch: drückender, flächiger Bass und fette Kickdrum schieben den Moloch durch einen Regen scharfkantiger Synthesizersounds, während der dezent mit Effekten angereicherte Gesang den ruhenden Pol in diesem voranstampfenden, dichten Klangwerk darstellt; spätestens beim Refrain kann man sich nicht mehr zurückhalten und wippt mit – und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Tanzfläche; klanglich beim genaueren Hinhören erstaunlich vielschichtig, mitreißend und atmosphärisch – der Titelsong ist der erste gefühlte Hit auf „Moloch“ (1)

Es wird gestorben: was für ein Auftakt! eine frequenzreiche Supersaw-Sequenz trifft auf ein wüst verzerrtes Gitarrenriff, worüber sich grollender Gesang, zittriges Arpeggio und schließlich kataklystisches Schlagzeug aufbauen; dieser Song ist mit retardierenden Zwischenteilen angereichert, die durch die Reibung mit den stetig wiederholten Harmonien eine ungeheure Spannung aufbauen – meisterlich komponiert und dem tief den Finger in die Wunde steckenden Text rundum würdig (1)

Synästhetische Magie: in Titel 5 des Albums übernimmt erstmals Keyboarderin Marion die Hauptstimme und beschreibt in effektvoll gefilterten Worten Sinnesgrenzen überschreitende Wahrnehmung; jetzt wäre interessant zu wissen, ob sie tatsächlich diese Art der sensorischen Überlagerung wahrnimmt; die Beschreibung des Phänomens gelingt jedenfalls so eindrücklich, dass die Musik zeitweise ganz in den Hintergrund tritt und man nur noch auf die Worte lauscht; und das ist fast schade, denn hier tut sich einiges (1)

Gespenster: Auftakt mit bei diesem Thema wohl unvermeidlichem Theremin-Geheul, das aber immer wieder dezent und sehr gut eingesetzt ist, um die unheilvolle Atmosphäre des Songs aufzubauen; ebenfalls sehr rockig, mit viel Raum abgemischt; im zweiten Vers Welle-Erdball-Zitat, textlich lässt das Stück aber viel Platz zur Interpretation; sehr geradlinige Komposition, mit gelegentlichem Übermaß geschichteter Sounds (2)

L’Enfer: apartes Synthie-Sounddesign entfaltet sich im Intro und mündet in einen melancholisch dahintreibenden Track, in dem Michels Stimme nur vom Mix her nicht gänzlich im Mittelpunkt steht – ansonsten schon; LFO-gefilterte Flächen treffen auf schneidende Sequencer-Sounds und Effektsweeps; textlich rund um das bekannte Sartre-Zitat aufgebaut, wonach die Hölle die Mitmenschen sind („L‘ enfer, c’est les autres“); trotz oder gerade wegen seiner Gleichförmigkeit und Langsamkeit eindringlich (2)

Es geht weiter: pulsierender Resobass und leichthändig eingespielte Gitarre betten den Leadgesang im Intro ein; und der dringt nicht nur anfangs viel sanfter und nachdenklicher aus den Lautsprechern, als man es von den Metallspürhunden gewohnt ist; sicher kein Tanzbodenkracher, aber definitiv etwas zum Anhören oder Mitsingen, wenn man sinnierend über Land fährt (2)

So laut: schreit nach einem Remix; denn trotz der markanten Frauenstimme kommt das Stück nicht so recht auf Touren, hält wiederum nicht, was der Titel verspricht; dabei mangelt es nicht an guten Ideen, und auch das Sound-Design ist sehr gelungen; aber irgendwie baut das Arrangement keine Spannung auf, sondern plätschert halt so dahin (3)

Die Wand: Four-to-the-floor-Kickdrum und Offbeat-Bass ziehen sich als kontinuierliches Element durch den gesamten Song; das täuscht leicht darüber weg, dass sich über diesem Fundament eine Menge tut: gut gemischter Gesang mit gelungen phrasiertem Text, markante Synthiesequenzen, knackiges Schlagwerk, und das alles kompakt und dicht zusammengesetzt; ein bissle weniger Gitarrenbrett hätte auch genügt (2)

Das Virus: und noch einmal überrascht Sänger Michel mit einer ganz neuen Nuance (und Höhen) in der Stimme; nach dem Refrain fehlt stellenweise ein wenig Druck oder ein zusätzliches Element, um den Freiraum nach dem Gesang zu füllen; aber sei’s drum, spätestens beim zweiten Durchlauf schwingt man unweigerlich im Rhythmus mit; ein hymnischer Elektrorock-Track, den man sicher auch live von den Metallspürhunden hören wird (und will!, 2)

Kränze: zynisch, martialisch, bitter – dem bundesdeutschen Hörer kommen unweigerlich die Bilder von Beisetzungen im Auslandseinsatz getöteter Soldaten sowie der Eiertanz um die Bezeichnung eines Krieges als solchen ins Gedächtnis; gibt es ähnliche Verhaltensmuster oder Anlässe auch in der Schweiz?; der giftige Text bricht und konterkariert die bis zu weinenden Streichern, Kirchenorgel und Marschtrommel pathetisch durchkalkulierte Musik (1)

Das Pendel: Als Rauschmeißer aus einer mit jedem Durchhören besser gefallenden Platte gibt es noch einmal etwas komprimiert Synthetisches; Harmonien und Halleffekt schaffen geradezu Westernatmosphäre, die Klangflächen rufen hingegen Impressionen von durch Nebelwolken filternden Laserstrahlen hervor; ein würdiger und dichter Schluss für „Moloch“ (2)

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